„Es war ein Wechsel für die Familie“

„Schippo“, wie war es für dich, im vergangenen Jahr nach zehn Jahren wieder zurück zum VfB, zurück in dieHeimat zu kommen?
Zurück zum Ursprung zu kommen, war sehr schön, keine Frage. Wenn man solange unterwegs und von zuhause weg ist, dann ist es schon etwas Besonderes, wieder nach Hause zu kommen. Die Freunde regelmäßig zu sehen, die Familie um sich zu haben und in der Heimat zu sein, ist einfach ein spezielles Gefühl. (Anm. d. Redaktion: Im Hintergrund sind Babygeräusche zu hören) Moment mal gerade – mein fünfmonatiger Sohn versteht es noch nicht so ganz, wenn ich telefoniere. Ich bringe ihn mal gerade rüber zu meiner Frau.
Kein Problem. Wir haben Zeit. Glückwunsch, das sind doch tolle Nachrichten.
Absolut. Wir sind sehr froh, dass alles so gut geklappt hat. Und auch in dieser Hinsicht spielt die Heimat eine wichtige Rolle, denn wenn mal etwas ist, sind unsere Familien gleich um die Ecke. Die Familie meiner Frau wohnt in Heidelberg, meine Familie wohnt knapp hinter Reutlingen – mit dem Auto dauert’s circa eine Stunde in beide Richtungen. Ich habe den Schritt zurück nach Stuttgart noch zu keinem Zeitpunkt bereut.
In einem Gespräch mit dem SWR hast du gesagt, dass du durch den Wechsel „wieder mehr Lebensqualität“ hast.
Damit meine ich in erster Linie natürlich Familie und Freunde. Die Tage und Feste mit den Liebsten zu verbringen, ist etwas Besonderes, was zuvor ja nicht immer möglich war. Am vergangenen Samstag hat mich beispielsweise mein bester Kumpel angerufen und gefragt, ob ich zum Grillen vorbeikommen wolle. Das sind die Momente, die ich dann eben als Lebensqualität bezeichne. Kurze Distanzen, mal flexibel zu sein sind Dinge, die ich nach der Jahren sehr zu schätzen weiß. Natürlich kommt noch hinzu, dass ich nun nicht mehr der Jüngste bin und sich die Prioritäten auch etwas verschieben. Meine Familie und besonders meine Frau haben in der Vergangenheit immer auf viel verzichtet und ist mit mir gereist – von daher war es, gepaart mit dem erwarteten Nachwuchs, auch ein Wechsel für die Familie.
Hast du denn schon eine grobe Ahnung, wie lange du noch spielen möchtest und vor allen Dingen, was danach kommt?
Einen genauen Plan gibt es noch nicht. Fußballspielen werde ich ziemlich sicher noch bis 2023, denn solange läuft mein Vertrag beim VfB. Im Sommer 2023 wäre ich dann knapp vor meinem 35. Lebensjahr. Auch wenn es sich doof oder floskelhaft anhört, aber ich muss wirklich von Jahr zu Jahr schauen. Dann muss ich eben schauen, welche Möglichkeiten es noch gibt und vor allen Dingen, ob der Körper noch mitmacht, denn die Lust aufs Fußballspielen mit den Jungs habe ich nach wie vor ungemein. Der VfB hat mir die Möglichkeit gegeben, in verschiedene Bereiche nach meiner Karriere hereinzuschauen. Sei es der Management-, der Trainer oder auch der Scoutingbereich – da wäge ich momentan noch ab, denn ich weiß noch nicht, wo ich mich sehe.
Das sind ja auch an und für sich erstmal sehr unterschiedliche Bereiche.
Im Management geht’s viel um Strategie und wahrscheinlich Büroarbeit. Im Trainerbereich bin ich ganz nah an der Mannschaft und auch im Scoutingbereich hätte ich weiterhin einen direkten Draht zum Platz und zum Team. Ich kann hier beim VfB die Trainerscheine machen, ganz unabhängig davon, ob ich sie danach nutze oder nicht – die Möglichkeit wollte ich sehr gerne wahrnehmen, wobei sich bisher aufgrund verschiedener Dinge wie kleinerer Verletzungen und Corona leider noch kein passender Zeitpunkt gefunden hat, damit anzufangen. Und da es bei uns in der Saison bisher auch nicht so rund lief, würde ich mir auch nicht anmaßen zu sagen, dass ich mal eben ein paar Wochen raus bin, um die Scheine zu machen. Da bin ich dann doch zu ehrgeizig und möchte der Mannschaft helfen.
Apropos – ihr habt mit einem Altersdurchschnitt von 21,6 Jahren die jüngste Truppe der Regionalliga Südwest. Beschreibe doch mal deine Rolle in der Zweiten des VfB.
Es ist etwas ganz anderes als das, was ich bisher kannte. Das habe ich zu Beginn wahrscheinlich auch ein Stück weit unterschätzt und überrascht, denn an dieser Aufgabe hängt ganz viel dran.
Wie meinst du das?
In meiner bisherigen Karriere war ich es gewohnt, dass jeder sein Training für sich macht und seine Leistung für sich abruft. Natürlich steht das Team über allem, aber auf dem Platz bist du selbst dir erstmal der Nächste. Wobei ich sagen muss, dass es schon zu meiner Zeit bei Arminia so war, dass ich versucht habe, vorzuleben, was es braucht, um langfristig in der Bundesliga bestehen zu können. Trotzdem ist es so, dass auf dem Platz eigentlich jeder für sich ist und wenn man einen schlechten Tag hat, mogelt man sich irgendwie durch oder geht nach dem Training in die Kabine und kotzt sich kurz aus. So einfach ist das.
Und das ist nun nicht mehr so?
Ich bin ständig unter Beobachtung und genau so war es auch geplant – die Jungs schauen sich viel ab. Ich komme oft als Erster und verlasse das Trainingsgelände als Letzter. Ich gebe immer 100% im Training und pflege meinen Körper auch nach den Einheiten – all das saugen die Jungs auf. Ich muss ja auch einfach professionell sein und arbeiten, weil ich das Niveau sonst ganz einfach nicht mehr halten könnte. Die Jungs kommen auf mich zu und fragen nach Ratschlägen und Tipps. So bin ich auch ein Stück weit verlängerter Arm des Trainers, um Probleme aus der Welt zu bringen. Wie die Jungs mich beobachten, quasi rund um die Uhr, habe ich dennoch unterschätzt.
Aber du hast dich dran gewöhnt?
Früher bin ich nach einer verkorksten Einheit auch mal in die Kabine und habe geschimpft und Dampf abgelassen. Das würde ich heute nicht mehr machen, da die Jungs sich das sonst abschauen und denken, dass sie das dann auch machen können. Da muss man echt vorsichtig sein und dieser Prozess ist ja auch eine Entwicklung. Ich hätte es mir vorher wahrscheinlich etwas leichter vorgestellt, aber es macht mir unheimlich Spaß und ich lerne täglich dazu.
Wie würdest du die Regionalliga generell beschreiben, die Liga gilt ja immer als so etwas wie die Tür zum Profifußball?
Und genau das macht es sehr schwer, diese Liga einzuschätzen. Es gibt sowohl Profimannschaften als auch Amateurmannschaften. Die Amateurmannschaften trainieren dreimal die Woche und die Jungs haben nebenbei noch einen Job. Für unsere Jungs ist es allerdings eine gute „Zwischenliga“ um an den Herren-Fußball herangeführt zu werden, denn der Unterschied zwischen dem U19-Fußball und dem Herrenbereich ist schon nochmal sehr groß. Die Mannschaften sind auch noch nicht so dominant und da kann man mit seinem Talent als junger Profi noch herausstechen.
Wie lief es denn bisher für euch?
Wir sind leider immer tiefer unten hereingerutscht und stehen aktuell nur etwas über dem Strich. Uns hat es diese Saison leider hart getroffen. Wir haben über die ganze Saison immer viel Verletzungspech und Corona-Fälle gehabt, das hat es für uns schwierig gemacht, aber es ist definitiv eine sehr interessante Liga und es macht auch Spaß, dort zu spielen. Nur ist sie eben schwer einzuschätzen – heißt zum Beispiel, dass jemand, der in der Regionalliga ordentlich liefert, nicht automatisch bereit für die nächsten Schritte ist. Das ist immer sehr individuell. Für junge Spieler bietet die Regionalliga nichtsdestotrotz eine richtig gute Möglichkeit, sich auf den Herrenbereich einzustellen und sich zu zeigen.
Wie sieht bei dir jetzt eine normale Woche im Trainingsbetrieb aus, hat sich da von den Zeiten irgendetwas geändert?
An den Zeiten, wo ich nach Hause komme, hat sich leider nichts geändert (lacht). Auch an der Vor- und Nachbereitung habe ich nicht viel geändert, weil mein Körper das einfach braucht, um auch in der Regionalliga topfit zu sein und Leistung bringen zu können. Die Zweite des VfB ist eine Profimannschaft und deshalb haben wir die gleichen Trainingseinheiten wie Teams der ersten oder zweiten Liga. Es gab auch schon Wochen, in denen wir mehr trainiert haben als ich es aus Bundesligazeiten gewohnt war. Das hatte ich mir eigentlich auch anders vorgestellt (lacht). Aber um zur Frage zurückzukommen ist es mindestens mal das gleiche Pensum wie im Profibereich der ersten drei Ligen auch.
Am Samstag kommt es zum direkten Duell zwischen uns und dem VfB – was erwartest du für ein Spiel?
Es ist wirklich schwer, in diesem Spiel eine Tendenz abzugeben. Wenn man einen Blick auf die vergangenen Wochen wirft, ist Stuttgart im Aufwärtstrend und die Arminen ein bisschen am Straucheln. Ich glaube, dass die Länderspielpause jetzt genau zum richtigen Zeitpunkt kam, um dann nochmal Anlauf für den Endspurt zu nehmen. In einer ausverkauften SchücoArena ist es immer schwer zu gewinnen, in Bielefeld haben sich die Stuttgarter in der Vergangenheit sowieso etwas schwer getan. Ich habe das Gefühl, dass es ein gutes Spiel wird. Beide Mannschaften werden alles raushauen und wenn die Anreise nicht so weit wäre, wäre ich sofort im Stadion. Ich wünsche mir einfach, dass beide Teams kommendes Jahr in der Bundesliga spielen.
Wie verfolgst du das Spiel?
Wir spielen zeitgleich in Steinbach, aber da ich aktuell leider noch verletzt bin und ich die gut dreistündige Reise daher nicht antreten kann, werde ich mir das Duell schön zuhause vor dem Fernseher angucken.
Würdest du denn deine Heimat verlassen, um mal wieder in Bielefeld – deiner vielleicht zweiten Heimat – aufzuschlagen?
Ich bin ganz ehrlich – zu Beginn meiner Zeit habe ich mich sowohl sportlich als auch privat etwas schwer in Bielefeld getan. Es sollte erst einfach nicht so passen. Dann allerdings ist Bielefeld mir und meiner Frau mit seiner Art, mit seinen Menschen und natürlich auch dem Verein ans Herz gewachsen. Wir waren sehr traurig, als wir Bielefeld verlassen haben und kommen gerne zurück. Das nächste Treffen steht sogar schon! Nach der Saison werden wir zeitnah mit der Familie eine Woche in Bielefeld verbringen, um alte Kollegen und Freunde zu besuchen. Darauf freuen wir uns schon sehr. Schön, wäre es, wenn wir bis dahin gemeinsame Klassenerhalte feiern könnten, oder?



