Aktuelles Nachhaltigkeit Fans Soziales

"Wir lassen keinen außen vor"

Beleidigt, bespuckt, geschlagen: Für Rollstuhlfahrer ist das leider Realität in manchen deutschen Stadien. Arminia hat am TOGETHER-Aktionsspieltag ein Zeichen gegen Diskriminierung gesetzt und ist mit dem Inklusionsbus zum Auswärtsspiel nach Elversberg gefahren. Der Spieltag ist Teil einer Reihe von Aktionen rund um die Internationalen Wochen gegen Rassismus. Warum echte Teilhabe im Fußball so wichtig ist, erzählt Carmen Kuhlmann vom Arminia Supporters Club im Interview.

Der deutsche Profifußball hat mit der Kampagne „TOGETHER! Stop Hate. Be a Team.“ ein Zeichen für Zusammenhalt gesetzt. In diesem Kontext seid ihr letzte Woche mit dem Inklusionsbus nach Elversberg gefahren. Welche Bedeutung hat so eine Kampagne für eure Arbeit? 

Solche Aktionen sind für unsere Arbeit extrem wichtig. Insgesamt erhält das Thema Inklusion viel zu wenig Aufmerksamkeit. Viele wissen gar nicht, was „Inklusion“ bedeutet. Im Kern geht es um Teilhabe und darum, dass alle zusammen einen schönen Tag haben und positive Erlebnisse teilen können. Mit dem Inklusionsbus bringen wir unterschiedliche Menschen zusammen und fördern Begegnungen. Wir lassen niemanden außen vor. 

Seit Beginn dieser Saison fahren wir mit unserem Inklusionsbus zu fast jedem Auswärtsspiel, um jedem Fan – unabhängig von möglichen Einschränkungen, Herkunft oder persönlichen Hintergründen – die Möglichkeit zu geben, die Spiele live zu erleben. An Bord sind immer ganz unterschiedliche Menschen, darunter Sehbehinderte, Rollstuhlfahrer, Taubstumme und Menschen mit Down-Syndrom, aber ebenso Fans ohne Einschränkungen. Unser Ziel ist es, dass alle zusammen einen schönen Tag haben können. Auch am vergangenen Samstag waren wir wieder eine bunt gemischte Truppe im Alter von 18 bis 70 Jahren. Der Bus war komplett voll. Insgesamt sind 51 Menschen mitgefahren.

Welche Form von Hass und Diskriminierung erleben Menschen mit Behinderung im Fußballkontext? Gab es Situationen, die dich besonders erschüttert haben?

Menschen mit Behinderung erleben im Fußballkontext leider immer wieder unterschiedliche Formen von Hass und Diskriminierung, von abwertenden Sprüchen und Beleidigungen bis hin zu körperlichen Übergriffen. Besonders erschütternd war für mich ein Auswärtsspiel vor einigen Jahren. Dort wurden wir im Familienblock während des Spiels beleidigt und sogar bespuckt. In diesem Moment war klar: Hier ist eine Grenze überschritten. Zum Glück konnte die Polizei eingreifen und die Täter wurden ermittelt.  Bei einem anderen Auswärtsspiel musste ein Rollstuhlfahrer von vier Polizisten zur Toilette begleitet werden, weil 14 Tage zuvor ein Rollstuhlfahrer im Stadion angegriffen und verprügelt worden ist. Wir haben das damals gesehen und sind sofort eingeschritten. Dass wir in manchen Städten von der Polizei ins Stadion begleitet werden müssen, zeigt, wie wichtig Sicherheitsmaßnahmen noch immer sind.

Welche Rolle spielt Arminia Bielefeld aus deiner Sicht beim Thema Inklusion?

Arminia spielt beim Thema Inklusion eine sichtbar aktive und in vielen Bereichen vorbildliche Rolle – gerade im Vergleich zu anderen Vereinen im deutschen Profifußball. Inklusion bedeutet hier nicht „Betüddeln“, sondern echte Teilhabe. Die hohe Anzahl an Behindertenkarten – rund 800 Plätze – zeigt, dass Menschen mit Einschränkungen in Bielefeld bewusst mitgedacht werden. So viele gibt es in keinem anderen Verein in der 1. bis 3. Liga. Auch die Sehbehinderten-Reportage ist ein einzigartiges Angebot. In Bielefeld versuchen wir, das Thema Inklusion zu leben. Inklusion bedeutet Teilhabe – behinderte Menschen wollen genauso am Leben teilnehmen wie alle anderen auch. Es geht nicht darum, dass man ihnen alles abnimmt, sondern dass sie sie überall dabei sein können. 

Welchen Hebel bzw. welche Verantwortung hat der Fußball, um gegen Diskriminierung zu sensibilisieren?

Der Fußball hat eine enorme Reichweite und damit eine große Verantwortung, um gegen Diskriminierung zu sensibilisieren und Inklusion sichtbar zu machen. Durch Spiele, Vereine, Fanszenen und Medienpräsenz kann er Themen einem breiten Publikum zugänglich machen, die im Alltag oft wenig Beachtung finden. Insgesamt muss das Thema Inklusion viel sichtbarer werden.

Viele Menschen haben keinen direkten Bezug zu Behinderungen und scheuen sich davor, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Das Thema sollte aber präsenter werden, schließlich entstehen die meisten Einschränkungen erst im Laufe des Lebens, theoretisch kann es jeden treffen. Genau hier kann Fußball ansetzen: Er macht Inklusion erlebbar und verständlich. Aktionen wie der TOGETHER-Aktionsspieltag, an dem übrigens auch Welt-Down-Syndrom-Tag war, helfen dabei, Barrieren abzubauen und Betroffene sichtbar zu machen.

Nur wer selbst mal in einer Pflegesituation ist, kann die Situation verstehen. Umso stärker sollten wir das Thema leben und darauf aufmerksam machen. Der Hebel liegt also darin, Sichtbarkeit, Information und Teilhabe zu verbinden: durch Aktionen im Stadion, in der Fanarbeit, über Medien und Social Media. Fußball kann damit nicht nur sensibilisieren, sondern auch Empathie fördern und zeigen, dass Inklusion jeden treffen kann.

Ihr organisiert regelmäßig solche Fahrten. Wer steckt beim Arminia Supportes Club dahinter und wie seid ihr aufgestellt?

Der Arminia Supporters Club ist die Fan- und Förderabteilung im DSC Arminia Bielefeld e.V. und wir bieten verschiedene Angebote für Mitglieder bzw. Fans an und unterstützen die weiteren Abteilungen des e.V.. Wir organisieren regelmäßig, mit Unterstützung des DSC, den Inklusionsbus, hinzu kommt bei jedem Auswärtsspiel ein weiterer ASC-Bus. Auswärts unterstützt außerdem das Fanmobil alle Auswärtsfahrer. Bei jedem Heimspiel sind wir mit einem Pavillon unter der Südtribüne vertreten. Das ist eine Anlaufstelle für Fans, hier haben wir auch ein kleines Fanartikelkontingent. Ich selbst engagiere mich seit 20 Jahren ehrenamtlich im Arminia Supportes Club und habe den Inklusionsbus seit dem Start dieser Saison wieder ins Leben gerufen. Wer gerne zu den nächsten Auswärtsspielen mitfahren möchte, ist herzlich eingeladen, eine Anmeldung ist über unsere Homepage möglich. 

Weitere Informationen rund um Arminias Engagement gegen Diskriminierung: Die Kampagne TOGETHER! Stop hate. Be a Team.“ läuft parallel zu den Internationalen Wochen gegen Rassismus (16.-29. März). In diesem Rahmen veranstaltet Arminia im März und April verschiedene Veranstaltungen, um gegen Rassismus und Diskriminierung im Stadion zu sensibilisieren. Eine davon war die „Diskriminierungssensible Stadionführung“, die am Mittwoch stattgefunden hat. Gemeinsam mit den Teilnehmenden wurde über verschiedene Fälle gesprochen, die bei der Meldestelle für Diskriminierung im Fußball in NRW (MeDiF-NRW) oder bei der „Sicheren Burg“ gemeldet wurden. Es wurden verschiedene Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt, die beobachtende oder betroffene Personen in solchen Fällen ergreifen können. Das DSC-Handlungskonzept „Sichere Burg“ als erste Anlaufstelle und die MeDiF-NRW wurden ausgiebig vorgestellt und ihre Arbeit erklärt. 

Für interessierte Personen gibt es am Mittwoch, den 24.06.26 die nächste Gelegenheit bei einer Diskriminierungssensiblen Stadionführung teilzunehmen. 

Weitere Veranstaltungen im Rahmen der Aktionswochen gegen Rassismus: Arminia setzt ein Zeichen gegen Rassismus im Stadion: DSC Arminia Bielefeld

×

Arminia-Adventskalender

24 Türchen, 24 Gewinne: Mach´ mit bei unserem Arminia-Adventskalender und sicher´ Dir tolle Preise!