Profis

„Ich habe die Almpost für
50 Pfennig am Stadion verkauft“

Seit mittlerweile elf Jahren ist der im Bielefelder Westen großgewordene Frank Geideck Co-Trainer von Borussia Mönchengladbach. Wir haben den gebürtigen Bielefelder quasi auf dem Rückweg nach Gladbach erreicht, schließlich hat der 53-Jährige die Feiertage mit seiner Frau und Töchtern unweit der SchücoArena verbracht. In dieser kommt es am Samstag (HALBVIER) zum Spiel zwischen dem DSC und seiner Borussia. Im Gespräch erzählt uns Geideck u.a., worin der Großteil seiner Arbeit unter Marco Rose besteht, wie er Champions-League-Spiele gegen Real Madrid oder Inter Mailand erlebt, ob es am Samstag gegen 17:30 Uhr familienintern Krach geben könnte und natürlich, wie er die Rückkehr Arminias in die Bundesliga erlebt hat

Frank, wir erwischen dich quasi gerade auf dem Rückweg nach Gladbach. Hättest du nicht noch ein paar Tage in Bielefeld bleiben können?
Das wäre natürlich schön gewesen. Durch COVID sind es aber im Moment etwas schwere und ungewöhnliche Zeiten, weswegen das alles nicht gegangen wäre. Wir werden täglich getestet und müssen dann natürlich auch vor Ort sein. Des Weiteren befinden wir uns schon wieder im Training und bereiten uns ordentlich auf das Spiel gegen Arminia vor.

Wie hast du die Tage in Bielefeld erlebt?
Ich habe Weihnachten und die Feiertage zusammen mit meiner Frau und meinen drei Kindern verbracht. Auch wenn es uns nicht leicht fiel, haben wir Abstand zu Freunden und weiteren Familienangehörigen gehalten, um unseren Teil dazu beizutragen. Wir haben an den Feiertagen mit Familie und Freunden videotelefoniert – das ist natürlich kein gleichwertiger Ersatz, aber war trotzdem schön.

Deine Frau lebt mit den Kindern nicht unweit der SchücoArena. Kommt es am Samstag zum Familienkrach?
Ich hoffe, dass alle in meiner Familie zunächst auf mich gepolt sind und mir und der Borussia die Daumen drücken (lacht). Klar ist aber auch, dass wir als gebürtige Bielefelder nicht nur fußballinteressiert, sondern natürlich auch Sympathisanten Arminias sind. Ich bin direkt neben dem Stadion aufgewachsen und habe den ersten Teil meines Lebens im Bielefelder Westen verbracht, weswegen es für uns alle total normal ist, auch immer darauf zu schauen, was der DSC so macht.

Jetzt bist du also wieder auf dem Weg nach Gladbach, deiner sportlichen Heimat seit über elf Jahren. Hätte man dir damals gesagt, dass du für eine solche lange Zeit da bleiben würdest, was hättest du entgegnet?
Ich hätte mich eigentlich gar nicht mit der Sache beschäftigt, weil ich im Fußball großgeworden bin und mit all seinen Facetten vertraut bin, weswegen ich weiß, dass man sich weder als Spieler noch als Trainer mit zu langfristigen Sachen beschäftigen sollte. Man hat in der Regel Ein- bis Zweijahresverträge – die durchschnittliche Aufenthaltsdauer eines Bundesligatrainers liegt bei gut einem Jahr. Von daher ist mein Job natürlich auch immer etwas auf der Kippe. Es ist zum Glück anders gekommen – ich war sehr lange bei Arminia und bin seit 2009 nun in Gladbach. Das ist sehr schön, war vorher aber nicht unbedingt abzusehen.

Wie blickst du generell auf diese elf Jahre zurück?
Wir haben ein erfolgreiches erstes Jahr mit Michael Frontzeck gehabt, konnten souverän die Klasse halten, was angesichts des knappen Klassenerhalts im Jahr zuvor nicht unbedingt zu erwarten war. Im Jahr darauf hatten wir eine sehr schlechte Hinrunde, in der wir nur zehn oder elf Punkte geholt haben.

Was die Verantwortlichen Borussias dann dazu gebracht hat, den Trainer zu wechseln.
Genau. Michael Frontzeck, der mich überhaupt erst zur Borussia holte, musste gehen und wurde durch Lucien Favre ersetzt. Seitdem geht es fast schon kontinuierlich bergauf hier in Gladbach. Wir konnten uns dreimal für die Champions League qualifizieren, haben zweimal in der Europa League gespielt und auch in der Bundesliga gute Ergebnisse eingefahren.

International muss dann doch nochmal etwas Besonderes sein, oder?
Auch wenn ich schon lange im Geschäft bin, muss ich sagen, dass die internationalen Spiele immer wieder Highlights sind. Und damit meine ich nicht nur das spielerische Niveau, sondern vor allen Dingen auch das ganze Drumherum. Das ist schon nochmal etwas anderes – sowohl für die Spieler als auch für uns Trainer.

Gerade in dieser Spielzeit habt ihr ja auch einiges erlebt.
Wir haben gegen Inter Mailand, Real Madrid und Schachtar Donezk gespielt und uns trotz einer schweren Gruppe für das Achtelfinale qualifiziert. Die Namen der Gegner, die Stadien, die Geschichte der jeweiligen Gegner – das hat einen besonderen Flair und ist einfach außergewöhnlich. Nicht auszumalen, was losgewesen wäre, hätten wir das Ganze mit unseren Zuschauern erleben dürfen.

Lass uns mal ein bisschen zurückgehen in deinem Werdegang. Du hast 1996 deine Karriere beendet und bist dann quasi im fließenden Übergang Co-Trainer von Arminia geworden. Erinnerst du dich an diese spannende Phase?
Klar, Arminia ist 1988 in die dritte Liga abgestiegen, zuvor habe ich ein paar Jahre beim VfR Wellensiek gespielt. 1988/1989 bin ich also zurück zu Arminia und wurde dort im letzten Jahr der dritten Liga zum spielenden Co-Trainer unter Ernst Middendorp. Dann sind wir in die zweite Liga und danach direkt, im Sommer 1996, in die Bundesliga aufgestiegen. In der Saison habe ich noch ein paar Spiele gemacht, im November 1995 habe ich aber mein letztes Spiel als aktiver Spieler gemacht. Ich war zu dem Zeitpunkt des Aufstiegs 27 Jahre alt und für den Bereich Fitness zuständig. In unserer Mannschaft waren damals gestandene Spieler wie Thomas von Heesen, Armin Eck, Jörg Bode, Fritz Walter oder auch Uli Stein – natürlich ist es dann nicht so, dass man sich da direkt hinstellt und sagt: "Lauft mal schneller, macht dies, macht das."

Und trotzdem hattest du direkt einen guten Draht und wurdest akzeptiert.
In meiner Erinnerung war es so, dass es bestimmt auch an meiner Ausbildung lag. Ich habe in Bielefeld Sport mit dem Schwerpunkt Prävention und Rehabilitation studiert. Zudem habe ich im Rehazentrum als Sporttherapeut gearbeitet und wusste, was ich da tat. Das haben die Jungs gemerkt – ich habe immer darauf geachtet, nicht den großen Zampano zu spielen, sondern die Jungs zu überzeugen.

Du hast in deiner Karriere schon an der Seite von diversen Trainern gearbeitet. Kannst du sagen, welcher Cheftrainer dich am meisten beeinflusst hat?
Das ist immer sehr schwer zu sagen. Ich kann über jeden Trainer nur Gutes sagen und da muss ich nicht einmal lügen. Dabei geht es nicht nur um die sportlichen Erfolge, sondern auch um das Miteinander, das Arbeiten im Team und den Respekt, den man gegenseitig voreinander hat. Müsste ich mich auf das Fußballerische beschränken, so fällt mir spontan dann doch vielleicht Uwe Rapolder ein, der von 2004 bis 2005 bei Arminia Cheftrainer war. Ich vergleiche das dann immer damit, dass der Fußball wie eine Tür war, die damals für mich ein Stück weit geöffnet war, er die Tür dann aber aufgestoßen hat und ich das große Ganze dahinter sehen konnte. Dadurch habe ich nochmal einen anderen Zugriff auf Fußball gehabt. Lucien Favre hat natürlich auch einen großen Eindruck bei mir hinterlassen. Witzigerweise haben sowohl Uwe Rapolder als auch Lucien Favre ihren Trainerschein in der Schweiz gemacht. Auch Marco Rose, mit dem ich jetzt zusammenarbeite, hat mich mit seinem Fußballverständnis nochmal ein großes Stück weitergebracht.

Kannst du das näher erläutern?
Favre und Rapolder sind inhaltlich nicht so weit voneinander entfernt, weil es bei ihnen immer viel um das Spiel mit Ball geht. "Was mache ich, wenn ich den Ball habe?", "Welche Laufwege muss ich gehen?", "Wie positioniere ich mich und was ist die Spielidee mit Ball?" All das sind Fragen, die natürlich von Bedeutung sind und in ihrem Handeln immer wichtig waren. Marco Rose hat in seiner Salzburger Zeit schon sehr guten Ballbesitzfußball spielen lassen mit einer sehr hohen Aktivität gegen den Ball.  Wir haben da den Vergleich des Hauses mit einem ordentlichen Fundament, auf das jetzt nochmal eine Etage draufgesetzt wurde. Die Etage trägt den Namen: "Wie bestimmen wir das Spiel, auch wenn der Gegner am Ball ist?" Das klappt mal besser, mal schlechter.

Marco Rose sagte in einem Interview, dass es ihm wichtig sei, dass man sich im gesamten Trainerteam auf Augenhöhe befindet.
Das ist bei ihm genauso wie auch bei den anderen Cheftrainern, mit denen ich bisher zusammengearbeitet habe. Ich gehe jeden Tag gerne zur Arbeit, das war bei Arminia schon so und zieht sich hier in Gladbach zum Glück nahtlos fort. Das hat natürlich auch etwas mit dem Umgang untereinander zu tun. Ich bin lange im Verein und kann guten Gewissens sagen, dass hier ein sehr angenehmes und respektvolles Miteinander herrscht. Das geht von der Geschäftsführung über das Trainerteam bis hin zur Physioabteilung und den Menschen auf der Geschäftsstelle.

Welche Aufgabenbereiche übernimmst du?
Das ist von Cheftrainer zu Cheftrainer immer verschieden. Das fängt schon bei der Arbeit auf dem Trainingsplatz an, die wir aufteilen. Die Arbeit ist vielschichtig, besteht aber in erster Linie aus sehr viel Kommunikation. Wir sprechen im Trainerteam über den nächsten Gegner, einzelne Spieler, unsere Prinzipien – 80, 90% sind Kommunikation. Am Spieltag selber bin ich auf der Tribüne zu finden. Diesen Wunsch hatte ich unter Dieter Hecking geäußert und das zieht sich bis heute durch. Durch das Headset habe ich die Möglichkeit, mit unserem Trainerteam unten auf der Bank zu kommunizieren und ihnen Sachen mitzuteilen, die ich aus der Perspektive vielleicht etwas besser wahrnehme. Diese Szenen werden rausgesucht und den Spielern in der Halbzeit gezeigt.

Lass uns zum Abschluss nochmal ein bisschen auf den DSC schauen. Hast du dich gefreut, als Arminia im Sommer in die Bundesliga aufgestiegen ist?
Ich bin 500 Meter von der SchücoArena aufgewachsen, bin 1972 im Alter von fünf Jahren in die noch nicht existierende F-Jugend-Mannschaft Arminias eingetreten, war auf der Bültmannshofschule, habe mein Abitur am Max-Planck-Gymnasium gemacht und das Schwimmen keine zehn Meter vom Stadion im Schwimmbad unter der berühmten Alm-Halle gelernt. Die Hälfte meines Lebens habe ich also rund um die Alm verbracht. Ich habe Sitzkissen und die Almpost für 50 Pfennig am Stadion verkauft – selbstverständlich freue ich mich, dass der DSC wieder in der ersten Liga spielt. Ich habe viele Freunde und Bekannte in der Stadt, denen ich das sehr gönne. Es ist toll, wenn man Bundesligafußball in der Stadt hat.

Leider ist die Euphorie durch Corona ja etwas gebremst.
Was sehr schade ist, denn die Emotionen fehlen, keine Frage. Das haben wir natürlich nochmal besonders bei den Champions-League-Spielen gegen Real Madrid, Inter Mailand oder auch Schachtar Donezk gemerkt. Das sind in vielerlei Hinsicht äußerst interessante, wenn nicht sogar spektakuläre Spiele, die die Herzen der Fans höherschlagen lassen. Das wäre mit Zuschauern nochmal etwas ganz anderes gewesen – das betrifft aber auch die Spiele in der Bundesliga. Ich bin froh, dass wir überhaupt spielen können, aber wir hoffen alle, dass bald wieder Fans im Stadion sind und spätestens beim Einlauf der Mannschaften dieser berühmte Gänsehaut-Moment kommt.

×

Arminia-Adventskalender

24 Türchen, 24 Gewinne: Mach´ mit bei unserem Arminia-Adventskalender und sicher´ Dir tolle Preise!