„Frankfurt ist mein Zuhause“

Ervin, wem drückst du am Samstag die Daumen?
(lacht) Da muss ich ehrlich sein: Natürlich der Eintracht. Ich hatte in Bielefeld zwar ein schönes Jahr und freue mich, dass der DSC es wieder in die Bundesliga geschafft hat, aber mein Herz gehört der Eintracht. Das habe ich immer gesagt und das wird auch immer so bleiben. Ich bin seit neun Jahren in Frankfurt und bin mittlerweile Cheftrainer der U17. Frankfurt ist mein Zuhause, die SGE ist meine Familie.
Du bist sogar Markenbotschafter.
Genau, ich bin seit meiner Rückkehr nach Frankfurt eigentlich bei jedem Heimspiel und habe auch auswärts schon viele Partien miterlebt. Allzu gerne erinnere ich mich an unsere Europa-Reise aus der Saison 2018/2019, wo wir gegen den FC Chelsea im Halbfinale ausgeschieden sind, wir aber auch zusammen in Mailand waren oder an unseren DFB-Pokalsieg im Jahr 2018 zuvor gegen den FC Bayern München. Das sind Erlebnisse, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde.
Wir erreichen dich gerade kurz vor dem Training mit der U17 in Frankfurt. Vor einigen Tagen warst du aber noch in Albanien.
Genau, ich war in der Heimat, um dort meinen Trainerschein zu verlängern. Ich habe Seminare besucht und mich fortgebildet. Albanien ist für mich etwas ganz Besonderes: ich bin dort geboren, habe zwölf Jahre für die Nationalmannschaft gespielt und war sogar Kapitän. Das erfüllt mich bis heute mit Stolz und natürlich nutze ich die Zeit dann, um Familie und Freunde zu sehen. Meine Wahlheimat ist mittlerweile aber Frankfurt. Ich bin sehr glücklich, hier zu sein.
Stimmt es denn, dass du bis vor einigen Jahren noch selbst aktiv Fußball gespielt hast?
Ja, bis vor sechs Jahren habe ich selbst noch gegen den Ball getreten. Als ich nach Frankfurt zurückgekommen bin, habe ich zuerst einmal bei einer Fußballschule gearbeitet, bis mich dann irgendwann Freunde ansprachen und gesagt haben, dass ich noch sehr fit sei und ob ich nicht selbst nochmal spielen wollen würde. Dann kam eins zum anderen. Ich habe bei Hanau 93 in der Kreisliga angefangen, heute spielt der Verein in der Hessenliga. Während meiner Zeit sind wir dreimal zusammen aufgestiegen. Irgendwann hat mein Körper dann aber gesagt, dass es reicht, weswegen ich mich dann in Richtung des Trainergeschäfts orientiert habe.
Dann erhieltst du einen Anruf.
Andreas Möller (Leiter des SGE-NLZs, Anm. d. Redaktion) hat mich eines Tages kontaktiert und mich gefragt, ob ich nicht zur Eintracht kommen wolle.
Die Wahl fiel dir wahrscheinlich nicht sonderlich schwer.
Nein, ich liebe das Umfeld der Eintracht und bin sehr gerne Teil des Vereins. Von daher bin ich natürlich gerne in das NLZ gekommen.
Letztes Jahr warst du Co-Trainer der U17, jetzt bist du Cheftrainer. Wie können wir uns dich als Trainer vorstellen, worauf legst du Wert?
Ich habe großes Glück mit dem Gesamtpaket. Dazu zähle ich beispielsweise auch das Team hinter dem Team und meine rechte Hand, Co-Trainer und Vereinslegende Alex Meier. Wir verstehen uns super und sind auch außerhalb des Platzes gut miteinander befreundet. Als Duo versuchen wir den Jungs, die Werte von Eintracht Frankfurt zu vermitteln und jeden einzelnen Spieler besser zu machen. Ich kam damals im Alter von 18 Jahren ohne Berater und Familie nach Deutschland und musste mich durchkämpfen – mit Herz, Leidenschaft und Mut kann man vieles erreichen und dabei darf man natürlich auch Fehler machen. Das versuchen wir den Jungs, die das alles gut aufnehmen, zu vermitteln. Wir stehen für offensiven und leidenschaftlichen Fußball. Wichtig ist, dass die Jungs gerne Teil von der Eintracht und jeden Tag bereit sind, etwas Neues zu lernen und gerne zu uns kommen.

Du hast in deiner aktiven Zeit unter vielen verschiedenen Trainern gespielt. Von welchen Übungsleitern konntest du dir etwas abschauen?
Ich habe von allen Trainern etwas gelernt. Uwe Rapolder hat mir zu meiner Bielefelder Zeit taktisch viel beigebracht, gleichzeitig aber auch viel Wert auf Ordnung und Disziplin gelegt hat, Hans-Peter Briegel (damaliger Trainer der albanischen Nationalmannschaft, Anm. d. Redaktion) hatte eine tolle Menschenführung mit einer starken Persönlichkeit, auch von Eintracht-Trainer Willi Reimann konnte ich viel mitnehmen. Aus all diesen Puzzleteilen nimmt man sich die interessantesten Stückchen mit und bringt diese dann mit seiner eigenen Persönlichkeit zusammen. So entwickelt sich jeder Trainer individuell.
Mit Willi Reimann hast du laut eigener Aussage 2003 im Dress der Eintracht dein intensivstes und schönstes Spiel bestritten.
Genau, das war das Spiel gegen den SSV Reutlingen am letzten Spieltag der Zweitligasaison 2002/2003, welches wir in letzter Minute mit 6:3 gewinnen konnten. Dadurch sind wir aufgestiegen, aber ich muss für diese Geschichte ein bisschen ausholen.
Gerne.
Willi Reimann hat herausragende Arbeit in diesem Jahr geleistet, wir hatten teilweise nur 14 Spieler im Training. Zu Beginn der Saison plagten die Eintracht Finanzsorgen und andere Probleme, weswegen die Leistung von Willi umso höher anzurechnen ist. Wir wollten damals eigentlich nur in der Liga bleiben, aber der Trainer hat das anders gesehen und gesagt, dass er ambitioniert sei und einiges mit uns vorhabe. Der Verein besaß eigentlich kein Geld, aber Willi hat auf dem Transfermarkt mit dem einen oder anderen sehr günstigen Transfer ein goldenes Händchen bewiesen. Wir hatten eine charakterlich seht starke Mannschaft mit Eintracht-Ikonen wie Uwe Bindewald oder Alexander Schur. Unser Team hat sehr, sehr gut funktioniert – Willi hat uns in der Vorbereitung laufen und schuften lassen, wie ich es noch nie erlebt hatte, aber es sollte sich auszahlen.
Mit dem Aufstieg.
Das war quasi die Kirsche auf der Torte. Nach so einer harten und unglaublichen Saison am letzten Spieltag aufzusteigen, werde ich nicht vergessen. Nach dem Spiel habe ich vor Freude und Erleichterung einfach nur geweint. Willi hat uns von Anfang an gesagt, dass wir eine gute Rolle spielen werden – und sollte Recht behalten. Durch harte Arbeit kann man im Leben viel erreichen und das hat er uns wie kein Zweiter gezeigt. Es war eine der besten Saisons meiner Karriere und dieses 6:3 passte einfach perfekt dazu. Es ist nur schade, dass das Stadion damals noch nicht so ausgebaut war wie heute. Ich glaube, dann wäre es explodiert. Das Spiel ist für die Geschichtsbücher und ist heute Bestandteil im Eintracht-Museum. Dementsprechend haben wir Willi auch viel zu verdanken.
Ein Jahr später ging’s für dich nach Bielefeld, wo du unter Uwe Rapolder trainiert hast. Wie war das eine Jahr Bielefeld für dich?
Ein sehr Gutes. Uwe hat damals schon sehr weit gedacht was Taktik, Pressing und Angriffsfußball betrifft. Mit ihm und den Jungs in Bielefeld war es eine tolle Zeit, nach der Hinrunde waren wir als Aufsteiger auf einem starken zehnten Tabellenplatz und haben sehr guten Fußball gespielt. In der Saison konnten wir unter anderem gegen Bayern, Dortmund oder auch Leverkusen gewinnen. Ich erinnere mich sehr gerne an die Zeit zusammen mit den Kollegen wie Delron Buckley, Rüdiger Kauf oder auch „Matze“ Hain.
In diesem Jahr ging es für uns auch dank deiner Hilfe bis ins DFB-Pokalhalbfinale gegen den FC Bayern München, welches wir leider mit 0:2 verloren. Nimmt dieses Spiel in deinem Gedächtnis auch einen besonderen Platz ein?
Klar. Michael Ballack zu Beginn per Kopf und Roy Makaay kurz vor Schluss haben damals die Tore für Bayern geschossen. Ich weiß noch, dass ich beim Stand von 1:0 in der 80. Minute ungefähr aus sechzehn Metern schießen konnte und mich eigentlich schon abdrehen wollte zum Jubeln, es wäre das 1:1 gewesen. Oliver Kahn hat das Ding dann leider doch noch irgendwie halten können. Wir haben ein richtig gutes Spiel geliefert und es ist schade, dass es nicht für den Finaleinzug gereicht hat, denn nach Berlin wäre ich natürlich gerne gefahren. Zumindest konnten wir die Bayern in der Liga einmal mit 3:1 bezwingen.
Wie hast du die Entwicklung Arminias in den vergangenen Jahren allgemein verfolgt?
Der Aufstieg war sensationell und mehr als verdient. Letztes Jahr hat Arminia eine gute Saison gespielt, auch wenn wir bei euch mit 5:1 gewinnen konnten. Da haben unsere Jungs zu euren Ungunsten leider einen sehr guten Tag erwischt. Am Ende ist Arminia vollkommen verdient in der Liga geblieben und ich hoffe, dass es ihnen auch diese Saison gelingt. Mit den Fans und der Tradition gehört Arminia für mich in die Bundesliga. Ich weiß aus meiner eigenen Zeit, zu was die Fans dort in der Lage sind.
Es bleibt aber dabei, dass du Frankfurt die Daumen drückst?
Ja, natürlich (lacht).


