„Fabi ist vor allen Dingen ein toller Mensch“

Sören, was ist Schöner? Ein Tor in der Bezirksliga oder ein Tor in der zweiten Liga?
(überlegt und lacht) Eine sehr interessante Frage. Ich glaube, dass jedes Tor schön ist. Das würde ich schon ligaunabhängig sagen, wobei es natürlich einen Unterschied macht, ob man das zusammen mit vielen Fans feiern kann oder eben in kleinerer Runde mit den Mannschaftskollegen in der Bezirksliga. Grundsätzlich sorgt aber jeder erzielter Treffer für ein besonderes Gefühl.
Du spielst seit diesem Sommer beim VfB Schloß Holte in der Bezirksliga. Nach 17 Spielen steht ihr auf Platz eins. Steckt da immer noch so viel Ehrgeiz bei dir drin?
Das war ja auch immer so ein bisschen meine Spielweise. Ich habe auf dem Platz immer mein Bestes gegeben und tue das auch weiterhin – unabhängig davon, ob dass der Profi- oder Amateurfußball ist. Der Unterschied zu damals ist ganz einfach das Alter. Ich bin jetzt einfach nicht mehr der Jüngste und der Körper macht nicht mehr alles so mit, wie ich das vielleicht zu früheren Profizeiten gewohnt war. Meine aktive Karriere musste ich damals ja auch leider wegen einer Verletzung beenden, das merke ich heute noch. Der Profisport hat da schon ein bisschen seine Spuren hinterlassen.
Sechs Tore und wahrscheinlich Unmengen an Assists, bist du soweit zufrieden mit dem bisherigen Verlauf der VfB-Saison?
Wir sind Erster, da gibt’s wenig zu bemängeln. Ich habe den Schritt nach Schloß Holte bewusst gewählt, es war immer mein Ziel, nach der Karriere nochmal in den Amateurbereich zu gehen, dorthin, wo ehrlicher Fußball gespielt wird. Ich genieße die Zeit. Es macht Spaß nach dem Training und nach den Spielen mit den Jungs zusammenzusitzen, ein Bier zu trinken, Siege zu feiern und Blödsinn zu reden. Das hat es damals natürlich auch gegeben, aber die Atmosphäre ist genauso, wie ich mir das im Vorfeld gewünscht hatte. Wir haben eine sehr coole Truppe beisammen, es macht Spaß.
Du bist gebürtiger Ostwestfale und hast damals das Kicken beim VfB Schloß Holte angefangen.
Genau – und aus diesem Grund schließt sich auch ein Stück weit dieser Kreis. Mein Wechsel damals zu Arminia war auch ein Wechsel zurück in die Heimat. Ich hatte vielleicht schon im Hinterkopf, dass es der letzte Verein in der Profikarriere sein könnte. Wenn man den Kreis dann weiterschließt, passt das mit dem VfB als erstem und wahrscheinlich letztem Verein ja auch ganz gut.
Du hast ja den direkten Vergleich. Was sind die größten Unterschiede zwischen Amateur- und Profisport?
Da würde ich als erstes den Leistungsdruck nennen, also den Fokus, dass alles auf den sportlichen Erfolg ausgerichtet ist. Im Amateursport steht da schon eher der Spaß im Vordergrund, wobei es natürlich auch da um das Gewinnen geht. Im Amateursport werden einfach auch andere Prioritäten gesetzt.
Hast du da konkrete Beispiele?
Nehmen wir doch mal die Spielvorbereitung. Ich habe immer noch so ein bisschen von früher eingeimpft, dass man einen Abend vor dem Spiel nicht mehr rausgeht, nicht mehr feiert und sich auf die Partie vorbereitet. Das hat sicherlich auch mit dem Alter zu tun. Die Jungs, mit denen ich spiele, sind zum größten Teil Anfang 20. Den kann ich dann auch nicht vorschreiben, am Abend vorher nicht zu zaubern – dementsprechend sind am Spieltag dann auch mal ein paar schräge Augen und Blicke dabei aber auf dem Platz ist das vergessen. Generell lässt sich einfach festhalten, dass der Fokus ein anderer ist.
Und das Niveau an sich?
Natürlich gibt’s auch hier gravierende Unterschiede – fußballerisch, taktisch, körperlich. Ich dachte im Vorfeld aber, dass das Niveau noch schlechter sei, aber es ist echt ganz gut. Klar fehlt es an der einen oder anderen Stelle an gewissen Voraussetzungen, aber ich bin sehr positiv überrascht.
Am Wochenende kommt’s in der Bundesliga zum Duell zwischen uns und dem 1. FC Union Berlin. Das hätte man doch wahrscheinlich vor Jahren auch nicht so erwarten können, dass diese Partie nun erstklassig ist, oder?
Vorhersehbar war es nicht unbedingt, das stimmt. Während meiner Zeit in Berlin wurden schon einige Weichen für die Bundesliga gestellt, die Entwicklung war dann doch vielleicht doch etwas abzusehen, wobei nicht davon ausgegangen werden konnte, welch starke Rolle und Entwicklung Union in den vergangenen Jahren genommen hat – Teilnahme am internationalen Geschäft inklusive. Das war nicht zu erwarten. Bei Arminia war das letzte Jahrzehnt jetzt nicht so von Erfolg gekrönt – ob finanzieller oder sportlicher Natur. Mit dem Bündnis Ostwestfalen wurde eine richtig gute Grundlage geschaffen, um dorthin zu kommen, wo der Verein jetzt steht. Der Aufstieg vor zwei Jahren war vorher nicht so zu erwarten, aber mehr als verdient. Dass das Duell also jetzt in der Bundesliga gespielt wird, war – um auf die Frage zurückzukommen – nicht unbedingt vorherzusehen, freut mich aber riesig.

Wem drückst du denn am Wochenende mehr die Daumen? Kommt da der Ostwestfale und der Armine in dir durch oder war die Zeit in Berlin zu gut, als dass du jetzt für ein anderes Team wärst?
Fangfrage (lacht). Ich gucke ja nicht nur als Fan auf das Duell, sondern auch als ehemaliger Spieler. Wenn ich auf die Mannschaften gucke, dann gibt’s bei Arminia halt noch ein paar mehr Jungs, mit denen ich guten Kontakt habe. In Berlin hat sich seit meinem Abgang sehr viel geändert, da gibt’s noch so ein, zwei Jungs aus dem Kader sowie Leute aus dem Mannschaftsumfeld, mit denen ich hin und wieder schreibe.
In Bielefeld ist das anders?
Hier kenne ich einfach noch mehr Leute. Ich komme aus der Gegend, habe einen guten Draht zu ein paar Jungs aus dem aktuellen Kader und denke, dass der DSC die Punkte etwas mehr nötig hat als Union. Von daher tendiere ich schon ein wenig mehr für einen Heimsieg, wobei es mir äußerst schwerfällt, dass zu sagen, was für meine wunderbare Zeit in Berlin spricht. Ich bin mir sicher, dass die Union-Fans mit dieser Aussage leben können.
Du hast beide Vereine erlebt. Versuch doch mal zu skizzieren, was zum einen Union so besonders macht?
In Union habe ich mich als Verein verliebt, ich kann mich auch noch an mein erstes Spiel an der Alten Försterei erinnern, das war damals mit Holstein Kiel. Ich finde das Stadion sehr spannend mit seinen drei Stehplatztribünen. Gepaart mit den leidenschaftlichen Fans bringt das schon das gewisse Extra rüber. Du wirst als Spieler nie ausgepfiffen und da kannst du noch so eine Grütze auf den Platz bringen. Wenn ein paar Leute anfangen zu pfeifen, werden die von den anderen Fans direkt angemacht und das ist schon eine Besonderheit. Wenn du mal schlecht spielst und eine Packung kriegst, feiern die Fans sich einfach selber oder den Verein. Natürlich gibt es auch mal kritische Worte hinterher nach dem Spiel, aber diese Unterstützung während der 90 Minuten ist schon außergewöhnlich und ich finde, das macht Union Berlin aus.
Und was fällt dir direkt zu Bielefeld ein?
Ein geiler Verein mit coolen Fans. Da blutet einem das Herz, was gerade durch Corona so ein bisschen flötengeht oder gegangen ist. Ich hätte dem Verein eine große und vor allen Dingen ausgiebige Feier zusammen mit den Fans gegönnt. Ich hoffe einfach, dass die Zahlen Richtung Sommer ein bisschen zurückziehen und dann der Klassenerhalt und der Aufstieg vor zwei Jahren gemeinsam gefeiert werden kann.
Das hoffen wir natürlich auch.
Was man auch nicht vergessen darf: Gerade der Heimvorteil für Mannschaften, die unten drinstehen und nicht nur gestandene Stars im Kader haben, ist nicht zu unterschätzen.
Lass uns zum Schluss nochmal über Fabian Klos sprechen. „Fabi“ hat unter der Woche seinen Abschied nach elf Jahren bekanntgegeben. Du warst wahrscheinlich einer der Ersten, die ihn danach kontaktiert haben. Wie ist euer Kontakt, schließlich bezeichnest du ihn als „Teil deiner Familie“?
Wir sind mittlerweile total eng und treffen uns bestimmt ein- bis zweimal die Woche. Privat verstehen wir uns auch sehr gut seiner Freundin. Die beiden erwarten ja auch Nachwuchs, da hat Fabi bei mir auf jeden Fall eine ganz gute Anlaufstelle, um sich ein paar Tipps zu holen (lacht). Wir sind auf jeden Fall eng, also es hat sich halt so entwickelt. Wir haben Jahre lang gegeneinander gespielt, haben uns hier und da zufällig getroffen, da ich ja selber auch aus Bielefeld und der Region komme. Wir hatten uns dann auch öfter mal privat getroffen und durch meinen Wechsel nach Bielefeld hat sich dann schon so eine enge Bindung aufgebaut, sodass wir mittlerweile richtig, richtig gute Freunde sind.
Wie hast du die Nachricht von seinem Abschied im Sommer aufgenommen?
Fabis fußballerische Qualitäten stehen außer Frage, genauso wie die Verdienste für den Verein und für die Stadt. Er hat entscheidende Tore geschossen und ist fußballerisch sowie mental ein super Spieler – vor allen Dingen aber auch ein toller Mensch, der sehr sozial und sehr empathisch ist. Man kann sich mit ihm auch über Dinge außerhalb des Fußballs unterhalten. Und gerade das ist, was man mit der Zeit dann auch zu schätzen weiß. Mir hat er die Nachricht vergangene Woche auch persönlich überbracht und ich muss sagen, dass ich schon sehr traurig war. Traurig und mit einem Augenzwinkern gemeint auch ein Stück weit sauer, dass das dann in nächster Zeit nicht mehr so einfach ist, sich einmal die Woche zu treffen und über Sachen zu quatschen. Zum Glück gibt’s ja Smartphones und Computer.
Kannst du ihm ein paar Tipps geben, was die Zeit nach Arminia angeht?`
Die Erfahrung muss jeder selber machen. Falls Fabi Rat brauchen sollte, dann helfe ich ihm gerne. Aber ich glaube ja sowieso, dass er ja noch ein zwei Jährchen Fußball spielen möchte von daher muss ich ehrlich sagen, dass ich ihn jetzt auch nicht so in der Lehrer-Rolle sehe (Anm. d. Red.: Sören studiert Grundschullehramt). Das ist ja nicht ganz einfach – also wenn du 15 Jahre das gemacht hast, was dir vorgegeben wurde. Fabi ist aber intelligent genug und wird sich auf jeden Fall zurechtfinden.
Wir erreichen dich tatsächlich gerade nach einer Vorlesung, du studierst mittlerweile.
Genau. Ich hatte nach dem Abitur schon mal ein Studium begonnen auf Lehramt, aber eher aufgrund meiner Eltern, weil das Fußballerische schon im Vordergrund stand – letztlich ist das ja auch ganz gut aufgegangen. Nachdem ich verletzungsbedingt nicht mehr weiterspielen konnte, habe ich mich dann auch in dieser Findungsphase wiedergefunden. Lehramt war in gewisser Weise immer mein Notfallplan. Also habe mich dann wieder so ein bisschen näher mit dem Thema auseinandergesetzt und habe mich dann dazu entschieden, dass wieder zu machen. Bisher bereue ich es ganz und gar nicht, es macht sehr viel Spaß, auch wenn es unter schwierigen Umständen gestartet ist. Es ist interessant, den Kopf mal wieder zu benutzen, nachdem 15 Jahre das Körperliche im Vordergrund stand. Es ist anstrengend, das muss ich ehrlich sagen. Ich hätte nicht gedacht, dass man nach intensiven Vorlesungen oder Lernphasen auch körperlich erschöpft ist. Es ist ähnlich wie nach einem intensiven Training.
Wahrscheinlich lässt sich das auch wunderbar mit dem Amateurfussball verbinden ?
Absolut. Also dreimal zum Training schaffe ich es nicht, aber das brauche ich zum Glück nicht mehr – ich versuche es mir ein- bis zweimal die Woche einzurichten. Gerade auf Kunstrasen merke ich die Knie sehr – mein Fokus liegt nicht mehr auf dem Fußball oder der körperlichen Leistungsfähigkeit, sondern auf anderen Bereichen. Ich bin quasi jetzt wieder im realen Leben angekommen und es ist auch so, wie ich es erwartet hatte.
Und Falls Fabi irgendwann nach Bezirksligafußball und dem VfB Schloß Holte fragen würde,was würdest du sagen?
Ich würde sicherlich ein Trikot für ihn bereithalten. Vielleicht sogar auch das mit der Nummer Neun, dann können wir nebeneinander zusammen im Sturm spielen. Fabi hat ja auch lange im Amateurfussball gekickt, bevor bei ihm die Profilaufbahn so richtig losgegangen ist. Von daher wüsste er, worauf er sich einließe und ich glaube, dass er großen Spaß daran finden würde.
Und ein paar Tore würdest du „Klose“ sicherlich auch noch in der Bezirksliga zutrauen, oder?
Von uns beiden hat Fabi den besseren Torriecher, das ist einfach so. Ich würde ihm wohl das eine oder andere Tor vorlegen und im Sinne des Mannschaftserfolgs nicht versuchen, ihn mit unfairen Mitteln zu stoppen (lacht).
Ehemalige #9 von Union Berlin
Ehemalige #16 des DSC
Aktuelle #11 vom VfB Schloß Holte
Geboren am 06. Mai 1985 (36 Jahre)
Offensiver Mittelfeldspieler/hängende Spitze
232 Zweitligaspiele, 42 Tore, 28 Assists


