"Diese Bilder bleiben für immer im Kopf"

Zeugnisse von Überlebenden erzeugen Bilder von überfüllten Kasernen, Hunger, Elend und dem Verlust der eigenen Identität. Eindrücke, die sich bei den Teilnehmenden einprägen und ihre Vorstellungskraft übersteigen.
Unterwegs ist eine gemischte Gruppe von 19- bis 62-jährigen Fans, Mitarbeitenden und Ehrenamtlichen des DSC Arminia Bielefeld. Während der viertägigen Reise erkundet sie die Gedenkstätte in Terezín, besucht verschiedene Ausstellungen und ordnet die Ereignisse vor Ort in den größeren Kontext des Holocaust ein.
Theresienstadt war kein klassisches Konzentrationslager, sondern ein Ghetto in einer ehemaligen Festungsstadt. Viele der Menschen, die hier starben, waren alte Menschen und Kinder – die Schwächsten der Gesellschaft.
Museumsausstellung mit Kinderbildern bewegt die Teilnehmenden
Im Ghetto-Museum sehen die Teilnehmenden Bilder, die von Kindern während ihrer Zeit in Theresienstadt gemalt wurden. Sie zeigen die grausame Lebensrealität aus der Perspektive der Jüngsten. „Die Tiefgründigkeit, die in diesen Kinderbildern steckt, hat uns alle sehr berührt“, sagt Pia Lottermoser, verantwortlich für die Antidiskriminierungsarbeit des DSC in der Abteilung Fußballkultur und Soziales.
Bereits zum zweiten Mal ist Arminia nach Terezín gereist. Gemeinsam mit dem Fan-Projekt Bielefeld e.V. wurde die Gedenkstättenfahrt geplant und umgesetzt. Für die inhaltliche Konzeption war die what matters gGmbH verantwortlich, die regelmäßig Erinnerungsfahrten für Akteure aus dem Fußball organisiert und seit mehreren Jahren mit Arminia und dem Fan-Projekt Bielefeld zusammenarbeitet. Die Fahrt wurde in Kooperation mit der Auslandsgesellschaft e. V. durchgeführt.
Viele ältere Menschen und Kinder starben im Ghetto
Die Ankunft in Terezín löst bei vielen Teilnehmenden widersprüchliche Gefühle aus. Der Ort wirkt auf den ersten Blick wie ein ruhiges, historisches Städtchen, beinahe idyllisch. Auf den ersten Blick lässt sich nicht erahnen, welches Leid sich hier während der NS-Zeit abgespielt hat.
Die Arminia-Gruppe taucht sehr intensiv in diese Geschichte ein. Theresienstadt wurde von den Nationalsozialisten als Durchgangsghetto für mehr als 80.000 Jüdinnen und Juden aus Tschechien genutzt. Aus Deutschland und Österreich kamen besonders viele ältere Menschen hierher. In der Propaganda der Nazis galt es als „Altersghetto“. Man versprach den Menschen, dass sie hier dauerhaft leben können.
Tatsächlich wurden die meisten Jüdinnen und Juden nach einiger Zeit in die Ghettos und Mordlager im besetzten Mittelosteuropa deportiert. So auch Jenni Hesse, die am 16. April 1944 von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert und dort ermordet wurde. 33.000 Menschen starben in Theresienstadt selbst an den katastrophalen Lebensbedingungen, an Unterernährung und Krankheiten. So auch Julius Hesse, der hier am 6. März 1944 vermutlich an einer Lungenentzündung starb.
Fahrt nach Terezín als Zeichen gegen Antisemitismus
„Die Gedenkstättenfahrt ist nicht nur mit vielen neuen Informationen verbunden, sondern vor allem mit sehr intensiven Emotionen“, sagt Ali Haksal, Nachhaltigkeitsmanager beim DSC, der die Reise mit organisiert hat. „Das, was wir hier erfahren und gesehen haben, ist zutiefst bewegend. Diese Bilder bleiben im Kopf. So können wir uns viel intensiver mit der Geschichte auseinandersetzen und zu einer lebendigen Erinnerungskultur beitragen“, so Haksal.
Die Fahrten sind Teil der kontinuierlichen Erinnerungsarbeit des Vereins. „Mit der Erinnerung an Julius und Jenni Hesse verbinden wir den Einsatz gegen Rassismus und Antisemitismus in der Gegenwart“, betont Haksal. Wichtig sei dem Verein dabei vor allem die Kontinuität dieser Arbeit.
Arminia hat bereits eine Gedenkstättenfahrt ins ehemalige Konzentrationslager Buchenwald unternommen und Terezín nun zum zweiten Mal besucht. Im vergangenen Jahr wurde dort eine Gedenktafel für Julius Hesse angebracht.
Gedenkstättenfahrt zeichnet das Leben von Julius Hesse und Jenni Hesse nach
Über die Zeit von Julius und Jenni Hesse in Theresienstadt ist bislang nur wenig bekannt. Die Gedenkstättenfahrt ermöglichte den Teilnehmenden jedoch neue Einblicke in ihre Lebensgeschichte.
Julius Hesse übernahm 1909 als erfolgreicher Kaufmann den Vorsitz des DSC Arminia Bielefeld und führte den Verein bis 1914. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten verschärfte sich die Situation für die Familie drastisch. Bereits während der Boykottaktionen im April 1933 wurde die antisemitische Stimmung in der Stadt deutlich spürbar. 1935 musste Hesse sein Geschäft unter Zwang verkaufen.
Nach den Novemberpogromen 1938 wurde er für neun Tage im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert. Traumatisiert kehrte er nach Bielefeld zurück, ein Verlassen Deutschlands gelang zunächst nicht. Ein Suizidversuch des Ehepaars blieb erfolglos. Den drei Töchtern gelang hingegen die Flucht in die USA, nach Belgien und Palästina. Sie überlebten den Holocaust.
Aktuelle Recherchen zeigen, dass auch das Ehepaar Hesse noch versuchte, über Kuba in die USA zu fliehen. Ein weiterer Fluchtversuch in die Niederlande scheiterte. Am 12. Mai 1943 wurden Julius und Jenni Hesse schließlich über Münster nach Theresienstadt deportiert.
Die Fahrt machte deutlich, welche Verantwortung jede einzelne Person und auch Vereine im Umgang mit ihrer Geschichte tragen. Die Erinnerungsarbeit soll daher auch künftig fortgeführt und weiterentwickelt werden.
Stimmen der Teilnehmenden
Tobias: „Durch die Gedenkstättenfahrt nach Theresienstadt konnte ich viele bewegende und nachhaltig wirkende Eindrücke sammeln. Besonders eindrucksvoll war die Begegnung mit den Geschichten der Menschen sowie das Erleben der Erinnerungen vor Ort, aus denen ich viel lernen konnte.“
Ege: „Die Fahrt nach Theresienstadt war für mich wichtig, weil wir die Erinnerung lebendig halten müssen. Gemeinsam Geschichte über den Nationalsozialismus sowie Antisemitismus und der Ermordung von Julius und Jenni Hesse zu erleben und darüber ins Gespräch zu kommen, war eine sehr wichtige Erfahrung, die weit über den Fußball hinausgeht. Als Gruppe haben wir gelernt, wie wichtig Zusammenhalt, Respekt und die Verteidigung demokratischer Werte sind und diese Ereignisse sich nie wieder wiederholen dürfen!“
Michi: „Eine sehr lehrreiche Fahrt! Ich finde es wichtig, dass der Verein sich mit seiner eigenen Geschichte auseinandersetzt. Ich freue mich, dass seit dem vergangenen Jahr die Gedenktafel in Terezin liegt und der Geschichte von Jenni und Julius Hesse so erinnert wird. Und auch ist wichtig, dass die Erinnerungsarbeit noch nicht abgeschlossen ist.“



















