Der Start der Gänsehautentzündung

Es ist der 17. August 2014, ein lauer Sommersonntag, 16 Uhr: Drittligist Arminia Bielefeld empfängt in der ersten Runde des DFB-Pokals den Zweitligisten SV Sandhausen. Nicht gerade ein Kassenschlager. Der SVS machte schon an den ersten beiden Zweitligaspieltagen seinem Ruf als unangenehmer Gegner alle Ehre und entriss Aufstiegskandidat Kaiserslautern einen Punkt, auch beim späteren Bundesligaaufsteiger Darmstadt 98 sahen die Badener trotz 0:1-Niederlage gut aus.
Überhaupt Darmstadt: Alleine die pure Nennung dieser Ortschaft in Südhessen löst an diesem Augustssonntag, drei Monate nach dem Zweitligaabstieg des DSC, noch Bauchschmerzen bei so manchem Arminen aus. Ganz Ostwestfalen scheint sich im kollektiven Abstiegs-Blues zu befinden: Nach vier Drittligaspieltagen liegt Arminia mit gerade mal vier Punkten auf dem 17. Tabellenplatz. In der heimischen SchücoArena hatte es bereits ein saftiges 1:5 gegen den Halleschen FC gesetzt und nur eine Woche vor dem Pokalauftakt verlor man ausgerechnet gegen die Nachbarn aus Osnabrück mit 1:2. Und nun also Sandhausen; "das kann ja nur in die Hose gehen", mochte sich so mancher Bielefelder vor dem Anpfiff gedacht haben und blieb lieber Zuhause, zu gebeutelt war die Fanseele nach den Erlebnissen der letzten Monate.
Und so finden sich 7.305 handgezählte Zuschauer an diesem Nachmittag in der SchücoArena ein - "Wird schon schiefgehen!" In der HALBVIER wird noch einmal das gute Omen der ersten Pokalrunde beschwört: Schließlich wurden in den beiden Jahren zuvor die frischgebackenen Bundesligaaufsteiger Eintracht Braunschweig und SC Paderborn in packenden Pokalschlachten niedergerungen! Warum also nicht auch der SV Sandhausen?
Doch von einem Pokalkracher ist an diesem Nachmittag zunächst nur wenig zu sehen: Beide Mannschaften treten destruktiv auf, Sandhausen hat häufiger den Ball, Arminia gewinnt mehr Zweikämpfe - Abschlüsse sind Mangelware. Wie so oft in solchen Begegnungen ist ein Standard der Brustlöser: Florian Dick bringt einen Freistoß messerscharf vor das Tor, Sebastian Schuppan bringt sich in Position und köpft an Manuel Riemann vorbei ins Tor - 1:0! Vor einer komplett verwaisten Nordtribüne streift sich Sebastian Schuppan vielsagend und stellvertretend für die ganze Mannschaft jubelnd den Druck von seinem Trikot. Dann ist Halbzeit.
Im zweiten Durchgang sehen die Zuschauer ein unverändertes Bild: Wieder ist Sandhausen die druckvollere Mannschaft, aber aus dem Spiel gelingt beiden Mannschaften herzlich wenig. Da helfen nur Standards! Und für die hat der DSC im Sommer Florian Dick verpflichtet, der auch in der 57.Spielminute zur Eckfahne vor der Südtribüne schreitet. Die nachfolgenden Bilder lassen sich nur schwer beschreiben, die muss man einfach gesehen haben:
Klos' Treffer sollte später noch mit überragender Mehrheit zum Tor des Monats August 2014 bei der ARD-Sportschau gewählt werden. Wer genau hinhörte, dürfte nicht nur die Unterkante der Latte und den aufbrandenden Jubel der SchücoArena, sondern auch das Platzen des Arminia-Knotens gehört haben.
Auf einmal läuft alles wie am Schnürchen: Florian Dick erhöht drei Minuten später per direktem Freistoß nahe der Eckfahne auf 3:0, Christian Müller wenig später nach Vorlage von Klos spielerisch leicht auf 4:0. Spätestens jetzt dürfte jeder der gut 7.000 Zuschauer sein Kommen nicht bereut haben. Sandhausen kann eine Viertelstunde vor Schluss noch den Ehrentreffer markieren, am überzeugenden Weiterkommen ändert das aber nichts mehr.
158 Pflichtspieltore in 364 Pflichtspielen hat Fabian Klos bis zum heutigen Tag für den DSC erzielt, das Pokaltor gegen den SV Sandhausen war sicherlich das Schönste. Ob es auch sein Wichtigstes für den Sportclub der Ostwestfalen war? Schon nach Spielschluss schallte es von den Rängen: "Arminia ist wieder da!" - Und Arminia war wieder da: Sportlich auf dem Rasen der SchücoArena, aber vor allem in den Köpfen und in den Herzen der fußballbegeisterten Ostwestfalen: 17 der folgenden 18 Heimspiele konnten gewonnen werden, darunter auch die drei Pokalpartien gegen die Bundesligisten aus Berlin, Bremen und Mönchengladbach.
Arminia erlebte eine sportliche und emotionale Auferstehung. Heute vor sieben Jahren. Was für ein Spiel, was für ein Tor! Um es mit den Worten von Sportschau-Chef Steffen Simon zu sagen: "Gänsehautentzündung!"


