"Der Sport hat eine enorme Kraft, Werte zu vermitteln"

Arminia plant einen autofreien Spieltag. Was ist die Idee dahinter?
Ali: Der autofreie Spieltag ist ein bewusst gesetzter Impuls, um die umweltfreundliche An- und Abreise für unsere Fans attraktiver zu machen. Grundlage dafür sind auch mehrere Umfragen aus der Vergangenheit, in denen die Bedürfnisse und Wünsche der Fans rund um die Spieltagsmobilität abgefragt wurden. Gleichzeitig wollen wir Aufmerksamkeit für bereits bestehende Mobilitätsangebote schaffen und Raum bieten, neue Ideen für die Anreise zum Stadion auszuprobieren. Nicht zuletzt zeigt auch die Entwicklung der Spritpreise, dass alternative Verkehrsmittel nicht nur nachhaltiger, sondern oft auch finanziell attraktiver sind.
Maël: Dass wir hier ansetzen, hat einen klaren Grund: Bei den meisten Profifußballvereinen macht die Fanmobilität etwa zwei Drittel der gesamten CO₂-Bilanz aus. Für einzelne Spieltage ist das schwer exakt zu berechnen, da die wenigsten Vereine – auch wir aktuell noch nicht – eine detaillierte Spieltagsbilanz erstellen. Klar ist aber: Die An- und Abreise ist einer der größten Hebel. Ziel des autofreien Spieltags ist es, dass Fans direkt merken: Es gibt Alternativen zum Auto – und sie funktionieren.
Was bedeutet der autofreie Spieltag konkret für unsere Fans? Wie können sie autofrei zum Stadion kommen?
Ali: Mit dem Kombi-Ticket können unsere Fans ja bereits seit vielen Jahren ihre Eintrittskarte am Spieltag gleichzeitig als Fahrausweis nutzen und kostenlos mit Bus, StadtBahn und den Nahverkehrszügen an- und abreisen.
Am autofreien Spieltag bieten wir zudem die kostenlose Nutzung der „meinSiggi“-Leihfahrräder in Kooperation mit moBiel an, daher gibt es erweitere überwachte Fahrradparkplätze am Stadion und in der unmittelbaren Umgebung.
Außerdem bieten wir einen kostenlosen Zusatzbus für unsere Fans aus Hövelhof und Schloß Holte-Stukenbrock an. Dabei handelt es sich um ein Pilotprojekt: Wir wollen prüfen, wie groß die Nachfrage nach Zusatzbussen in Regionen mit schlechter ÖPNV-Anbindung ist. Der Zusatzbus wird von Hövelhof über Stukenbrock-Senne, Stukenbrock über Schloß Holte bis zur SchücoArena fahren. Sollte es eine hohe Nachfrage geben, wollen wir das Angebot des Zusatzbusses perspektivisch gerne auf weitere Orte im Umland ausweiten. Der Pilot wird durch unseren lokalen Partner formaplan GmbH & Co. KG finanziert.
Als Serviceaktion für alle Radfahrer bietet unser Partner B.O.C. außerdem einen kostenlosen Fahrrad-Check an. Eine ausführliche Übersicht mit allen Informationen haben wir zusammengesellt.
Der autofreie Spieltag ist keine einmalige Aktion, sondern Teil einer größeren Strategie. Was ist die Geschichte dahinter?
Ali: Wir haben im Herbst 2023 gemeinsam mit dem Startup elevengreen die Workshopreihe „DSC Fans für eine nachhaltige Zukunft“ ins Leben gerufen. Gefördert wurde das Projekt von den Stadtwerken Bielefeld. Darin haben wir zusammen mit Fans, Sponsoren und Dienstleistern verschiedene Themenfelder identifiziert, in denen sich Fans Engagement des Clubs wünschen. Neben den Bereichen Abfall und Bildung war das vor allem der Bereich Mobilität. In den vergangenen beiden Jahren haben wir intensiv daran gearbeitet, die Mobilität im und um den Club zu analysieren und den Fans umweltfreundliche und zuverlässige Alternativen zum Auto anzubieten.
Zum Beispiel?
Ali: Wir haben bereits viele Maßnahmen angestoßen – zum Beispiel haben wir vergangenes Jahr das Arminia-Mitfahrportal eingeführt, die Fahrradstellplätze am Stadion erweitert und viele Gespräche mit unseren Partnern für Sharing-Angebot und den ÖPNV in der Region geführt.
Maël: Der autofreie Spieltag ist jetzt der richtige Moment, diese Themen zusammenzubringen und erlebbar zu machen. Es geht nicht darum, von heute auf morgen alles zu verändern, sondern darum, ein Bewusstsein zu schaffen und Alternativen sichtbar zu machen.
Maël, du bist Mitgründer und Geschäftsführer des Startups elevengreen. Ihr beratet Sportvereine im Bereich Nachhaltigkeit. Inwiefern beteiligt ihr euch an diesem Projekt?
Maël: Wie Ali bereits gesagt hat, haben die Workshops klar gezeigt, dass unseren Anspruchsgruppen nachhaltige Mobilität besonders wichtig ist. In diesem Kontext arbeiten wir nun gemeinsam mit Arminia an der Entwicklung und Umsetzung des Mobilitätskonzepts. Das klare Ziel: die mobilitätsbedingten CO₂-Emissionen langfristig zu reduzieren. Dabei betrachten wir drei zentrale Bereiche: die Fanmobilität, also die An- und Abreise zu den Spielen, die Mitarbeitermobilität, zu der die Wege von Mitarbeitenden einschließlich Spieler, Staff und Funktionsteam zählen sowie die vereinsinterne Mobilität. Dieser Bereich umfasst alle Mobilitätsaspekte innerhalb des Vereins, wie die Nutzung des Fahrzeugpools, Dienstwagenregelung sowie die Reisekostenrichtlinie. In jedem dieser Bereiche haben wir den Ist-Zustand erfasst und analysiert, Ziele definiert und möchten diese konsequent verfolgen. Wir werden sicherlich nicht alle Ziele vollständig erreichen, aber mit einer starken Datenbasis und einem zielorientierten Ansatz können wir die Maßnahmen mit dem größten positiven Impact priorisieren. Der autofreie Spieltag ist eine konkrete Maßnahme des Konzepts für den Bereich Fanmobilität.
Welche weiteren Maßnahmen und Ziele stehen oben auf der Prioritäten-Liste, um CO₂-Emissionen einzusparen?
Ali: Im Bereich der Fanmobilität wollen wir vor allem die Pkw-Nutzung innerhalb Bielefelds reduzieren, den Radverkehr stärken und mehr Fans aus dem Umland für die Anreise mit dem Zug gewinnen. Dafür haben wir wie gesagt bereits einiges angestoßen: Die Fahrradparkplätze wurden ausgebaut und mit dem Arminia-Mitfahrportal ein neues Angebot geschaffen. Darüber sind bis Ende letzten Jahres rund 200 Fahrgemeinschaften entstanden, über 800 Nutzerinnen und Nutzer haben sich registriert und etwa 6 Tonnen Treibhausgasemissionen konnten eingespart werden. Ergänzend bauen wir auch klassische Angebote wie Fanbusse und Sonderzüge weiter aus.
Maël: Bei der Mitarbeitermobilität geht es uns darum, die Autonutzung zu verringern und nachhaltige Alternativen, gerade auf kurzen Strecken, attraktiver zu machen, zum Beispiel durch Zuschüsse für Fahrrad-Leasing. Ähnlich gehen wir es bei Spielern und Staff an: Wir wollen den Fahrradverkehr fördern und gleichzeitig den Zugang zu E-Mobilität verbessern, etwa durch Unterstützung bei der Anschaffung von Fahrrädern und finanzielle Anreize für Elektro- und Hybridfahrzeuge.
Maël, warum ist dir Nachhaltigkeit persönlich wichtig? Wann hast du selbst angefangen, dich mit Nachhaltigkeit im Fußball auseinanderzusetzen?
Nachhaltigkeit – vor allem ökologische – ist mir schon seit meiner Kindheit wichtig. Ich habe viel Zeit in der Natur verbracht und früh hinterfragt, warum wir Umweltveränderungen einfach hinnehmen. Deshalb habe ich zunächst Maschinenbau mit dem Ziel studiert, im Bereich erneuerbare Energien zu arbeiten. Nach meinem Bachelor hatte ich dann die Möglichkeit, Profifußballer zu werden. Diese Chance wollte ich nicht verpassen.
Der Einstieg in den Profifußball hat das Thema für mich neu geprägt: Vor etwa sechs Jahren habe ich bei meinem damaligen Verein, Go Ahead Eagles (NL), mein erstes Nachhaltigkeitsprojekt umgesetzt. Es ging um das Bechersystem im Stadion. Ich habe damals nur 100 Meter vom Stadion entfernt gewohnt und gesehen, wie viele Plastikbecher nach Spielen rund um das Stadion lagen. Ich habe mich und anschließend den Verein gefragt, was eigentlich mit diesen Bechern passiert. Der Verein hat mir viel Freiheit gegeben, um Lösungen umzusetzen. Am Ende haben wir ein Bechersystem aus rPET (recyceltem PET) eingeführt – in der Theorie ein geschlossener Kreislauf. Die Lösung war sowohl finanziell als auch ökologisch sinnvoll. Das System läuft heute noch.
Seitdem ist mir klar, dass Profiklubs Unterstützung im Bereich Nachhaltigkeit brauchen. Oft sind die Voraussetzungen vorhanden, es fehlen nur Impuls und Struktur. Hier setzt ElevenGreen an und verbindet für mich meine zwei größten Leidenschaften: Sport und Nachhaltigkeit.
Das Bielefelder Stadion ist eigentlich sehr gut erreichbar, trotzdem kommen viele mit dem Auto. Woran liegt das?
Maël: Die Fanmobilität ist ein sehr komplexes Thema, weil sie stark von Gewohnheiten und Routinen geprägt ist, die sich über viele Jahre entwickelt haben. Gleichzeitig spielen Kosten und Komfort eine zentrale Rolle.
In Bielefeld ist das Stadion grundsätzlich sehr gut erreichbar und stadtnah gelegen. Über 50 Prozent der Heimfans kommen aber aus dem Umland. Für viele dieser Fans ist es schwierig, das Stadion komplett ohne Auto zu erreichen – 41 Prozent der Fans legen zumindest einen Teil der Strecke mit dem Auto zurück. Das ÖPNV-System bietet bereits viel, dennoch gibt es Verbesserungspotenzial, insbesondere bei Abendspielen, bei Verbindungen aus dem Umland sowie bei stark frequentierten Bus- und Zugverbindungen. Auch der Geltungsbereich des Kombitickets ist noch nicht für alle Fans ausreichend, weswegen wir gerade für diese Fans nach attraktiven Alternativen suchen.
Ali: Das Vertrauen – gerade in den Zugverkehr – hat in den vergangenen Jahren leider sehr nachgelassen. Verspätungen und Zugausfälle sowie überfüllte Fahrzeuge sorgen nicht dafür, dass sich Fans für den Zug entscheiden. In Gesprächen mit unseren lokalen Mobilitätspartnern haben wir diese Herausforderungen im Bereich der ÖPNV-Verbindungen schon adressiert. Insbesondere im Zugverkehr gibt es jedoch sehr komplexe Betriebsabläufe. Fahrzeug- und Personalmangel stellen hier die größten Herausforderungen dar. Zudem betreffen die Anpassungen im Fahrplan nicht nur Bielefeld, sondern die gesamte Region bzw. das übergeordnete Netz, wodurch kurzfristige Veränderungen nur schwer umsetzbar sind. Mit der Stadtbahn hingegen sind die meisten Fans vergleichsweise zufrieden. Insgesamt sehen wir noch Luft nach oben in der Transparenz der Angebote. Es ist wichtig, vorhandene Angebote klar, verständlich und leicht zugänglich zu kommunizieren. Welche Parkflächen an Bahnhöfen und Bahnhaltestellen stehen zum Beispiel zur Verfügung? Welche Anreisealternativen gibt es? Da können auch wir uns an der einen oder anderen Stelle noch verbessern.
Fußball lebt von Reisen, auch international. Wie glaubwürdig ist Nachhaltigkeit in diesem System überhaupt?
Maël: Wenn man so argumentiert, müsste man letztlich jede Veränderung infrage stellen. Keine Branche und keine Person ist perfekt. Der FC St. Pauli hat seine Nachhaltigkeitsstrategie einmal unter das Motto „Not perfect, but better“ gestellt. Das ist für mich ein sehr guter Ansatz. Es geht nicht um Perfektion, sondern um kontinuierliche Verbesserung. Der Sport – und insbesondere der Fußball – hat eine enorme Kraft, Menschen zusammenzubringen und Werte zu vermitteln. Ökologische Nachhaltigkeit kann und sollte ein Teil dieser Werte sein. Gleichzeitig sind wir für unseren Sport auch direkt von der Natur abhängig. Insofern gibt es auch einen sehr konkreten, sportlichen Grund, verantwortungsvoll mit Ressourcen umzugehen. Wir haben eine Verantwortung – sowohl in der Bildung von jungen Menschen als auch als Vorbilder für die gesamte Gesellschaft.
Ali: Transparenz ist dabei ein entscheidender Aspekt. Als Fußballverein haben wir gerade im ökologischen Bereich einen offensichtlichen negativen Einfluss auf die Umwelt, nicht nur durch die bereits thematisierten hohen Emissionen durch Fanmobilität, sondern auch durch Inlandsflüge der Mannschaften zu Auswärtsspielen sowie einen hohen Ressourcenverbrauch: An Spieltagen fällt extrem viel Müll an und durch Flutlicht wird sehr viel Energie verbraucht. Mit vielen neuen Kollektionen im Fanartikel-Bereich fördert der Fußball zudem einen intensiven Konsum, der durch Produktion und Transport ebenfalls negative Umweltauswirkungen hat. Diesen Kritikpunkten dürfen Clubs und Verbände nicht ausweichen. Das Ziel sollte sein, die Gründe für bestimme Entscheidungen klar zu erläutern und konkrete Maßnahmen zu ergreifen, um die Auswirkungen zu reduzieren. Daran arbeiten auch wir, in dem wir unsere Datenbasis schrittweise ausbauen, Maßnahmen transparent machen und Fortschritte nachvollziehbar kommunizieren. Gleichzeitig bietet uns die hohe Reichweite eine Plattform, Verantwortung für unsere Umweltauswirkungen zu übernehmen und diese zu reduzieren, um als gutes Beispiel voranzugehen. Der Fußball bietet über die ökologische Nachhaltigkeit hinaus auch auf sozialer Ebene – gerade in einer polarisierten Gesellschaft – Chancen, Gemeinsamkeiten zu nutzen, um den Zusammenhalt der Gesellschaft zu stärken.

