Der König ist seiner
Linie treu geblieben

Kleinmachnow ist eine gemütliche Gemeinde in Brandenburg und zählt um die 20.000 Einwohner. Sie liegt unweit Berlins, östlich von Potsdam und wird unter Einheimischen und Kennern auch gerne als "Wohngemeinde im Grünen" bezeichnet, da 40 Prozent der Fläche aus Wald-, Grün- oder auch Wasserbereichen bestehen. Einer der 20.000 Einwohner Kleinmachnows hört auf den Namen "König" und dürfte jedem Arminia-Fan ein Begriff sein. Die Rede ist von Artur Wichniarek, der sich nach seiner Karriere als Fußballer mehrere Standbeine aufgebaut hat. Kommentator und Experte für internationale Spiele im polnischen Fernsehen, Berater von jungen polnischen Talenten auf freiwilliger Basis und ehemaliger Geschäftsführer von mehreren Bäckerei-Filialen – dass seine Frau zudem noch die Geschicke von mehreren polnischen Möbelhäusern als Chefin leitet, passt irgendwie zum "Macher" Wichniarek.
"Wie habt ihr am Wochenende gespielt?" Es dauert keine Minute, bis uns beim Treffen an einem sonnigen Dezembertag in einem Berliner Café klar wird, dass Wichniarek den DSC nach wie vor im Herzen trägt. "Entschuldigt. Ich war das Wochenende in Polen. Am Freitag musste ich arbeiten und am Samstag hatte mein Schwiegervater Geburtstag. Da es der 75. war, wollte ich den Stress mit meiner Frau nicht riskieren." Da auch wir keinen Stress mit dem "König" riskieren wollen, berichten wir ihm von unserer Partie gegen den Karlsruher SC (2:2).
Als die Bedienung die Bestellung auf dem Smartphone aufnimmt, wird deutlich, dass der 42-Jährige nach wie vor genaue Vorstellungen von dem hat, was er will: “Ich hätte gerne einen Pancake ohne Puderzucker, nur mit Ahornsirup. Und den schwarzen Kaffee gibt’s bitte erst, wenn ich mit dem Essen fertig bin.” Er sagt, was er denkt, verstellt sich dabei jedoch nie und eckt mit seiner Haltung vielleicht hier oder da mal an – das weiß der “König”, nimmt das aber bewusst in Kauf: “Die Leute in Bielefeld haben mich nicht nur wegen der Leistung auf, sondern auch neben dem Platz gemocht. Ich habe mir immer Zeit für sie genommen und meine Meinung gesagt.” Die Art Wichniareks scheint in Ostwestfalen und Umgebung gut angekommen zu sein, wurde er 2016 doch erst in die 111-jährige Jubiläumsmannschaft gewählt. Neben anderen Vereinslegenden wie Ewald Lienen, Arne Friedrich, Rüdiger Kauf oder auch Fabian Klos.
Dabei war seine erste Phase beim DSC (1999-2003) zu Beginn eine ganz schwierige. Angesprochen darauf holt der Pole tief Luft, lässt sich noch mehr in den beigefarbenen Sessel fallen und führt dann aus: “Ich bin nach Bielefeld gekommen und konnte die Sprache nicht – es war für mich als jungen Polen alles neu und ich hatte mit Hermann Gerland einen Trainer, der nicht auf mich gesetzt hat.” Irgendwie biss sich Wichniarek aber doch durch und zündete Anfang des Jahrtausends dann so richtig – einen großen Anteil an seinem Aufwind hatte Benno Möhlmann, der den DSC 2000 übernahm und der dem Polen von Anfang an großes Vertrauen gab. Arminias damalige Nummer 18 schenkte Möhlmann dieses Vertrauen in Form von Toren zurück. “Benno Möhlmann hat mir sehr geholfen, er war ein wichtiger Mentor”, ergänzt der 17-fache polnische Nationalspieler und tunkt dabei seinen Pancake in das Ahornsirup.
In der Saison 2000/2001 wird Wichniarek das erste Mal Torschützenkönig in der 2. Bundesliga mit insgesamt 18 Treffern, wohl auch, weil ihm die Spielweise der Liga ein Stück weit entgegenkommt. In der darauffolgenden Spielzeit gelingen dem Polen sogar noch zwei Tore mehr – er wird wieder Torschützenkönig und verhilft dem DSC zum ersehnten Aufstieg in die Bundesliga: “Das war ein super Jahr, in dem vieles funktioniert hat. Dass wir am Ende aufgestiegen sind, war ein tolles Erlebnis, was ich nicht vergessen werde.”
Mittlerweile ist “König” Artur im Redefluss, auf seinem Teller ist nicht mehr viel übrig, und das permanente Handy-Klingeln scheint ihn auch weniger zu interessieren. Die wichtigeren Anrufe beantwortet er kurz und knapp per Lautsprecherfunktion, um sich dann wieder unserem Gespräch zu widmen: “Bruno Labbadia hat mir damals sehr geholfen. Er war zwar ein ganzes Stück älter als ich, hat sich aber immer um mich gekümmert. Von ihm konnte ich mir eine Menge abschauen, zumal wir nach den normalen Trainingseinheiten oft die einzigen beiden Spieler waren, die noch eine Extra-Einheit draufgelegt haben.” Zum “Pistolero” Labbadia habe er mittlerweile kaum Kontakt mehr, genauso verhält es sich mit ehemaligen Spielern aus gemeinsamer Bielefelder Zeit: “Mit Jörg Böhme hatte ich eine Zeit lang recht viel Kontakt, weil er Trainer in Cottbus war und hier in der Nähe wohnte. Ansonsten sind alle Bielefelder Verbindungen ein wenig im Sande verlaufen”, berichtet Wichniarek, um direkt hinzuzufügen, dass diese Prozesse im Fußballgeschäft aber “völlig normal” seien.
An eine Bielefelder Anekdote erinnert sich Wichniarek noch bestens: “Ich hatte eine Zeit lang nicht getroffen und mir im Bundesligaspiel gegen Schalke einen dummen Platzverweis eingehandelt. Tags darauf klingelte mein Telefon, an der anderen Leitung war mein Vater, der mir sagte, dass er sich auf den Weg nach Bielefeld machen würde, um mit mir zu trainieren. Was sollte ich sagen? Ein Nein hätte er nicht akzeptiert.” Einen Tag später tauchte Wieslaw Wichniarek dann wie angekündigt in Bielefeld auf und ließ seinen Filius nach den Trainingseinheiten noch ordentlichen schuften – es sollte sich auszahlen: “Gleich im ersten Spiel nach dem Spezialtraining habe ich getroffen”, erinnert sich Wichniarek Junior mit großen Augen.
Obwohl es für Wichniarek auch in der Bundesliga-Saison 2002/2003 mit zwölf Treffern mehr als gut läuft, steigt Arminia ab. König Artur wechselt daraufhin mit einigen Nebengeräuschen zu Hertha BSC, wo er jedoch nie wirklich Fuß fassen kann. Im Januar 2006 kehrt der Pole zurück zum DSC. Am 15. Dezember 2007 – Arminia spielt gegen den VfB Stuttgart – kommt es in der 90. Minute zu Historischem. Der polnische Stürmer trifft zum 2:0-Endstand und überholt mit seinem 29. Bundesligatreffer Frank Pagelsdorf, der insgesamt 28 Mal für den DSC im deutschen Oberhaus netzte. Bis Sommer 2009 erzielt Wichniarek weitere 17 Treffer und verewigt sich spätestens damit in der Arminia-Historie: “In Bielefeld habe ich eine geile Zeit gehabt. Meine Tochter ist im Franziskus-Hospital geboren, alleine dadurch sind wir ewig mit der Stadt verbunden. Dass ich bis heute als ‘König Artur’ bezeichnet werde, ist natürlich eine tolle Sache. Bielefeld ist aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken.”
Im Juli 2009 wechselt er dennoch ein zweites Mal nach Berlin – wieder laufen viele Dinge nicht in seinem Sinne, sodass er nach nur einem Jahr seine Koffer packt und die Karriere in Posen und beim FC Ingolstadt ausklingen lässt. Eine hartnäckige Rückenverletzung zwingt ihn 2011 schließlich zum Karriereende. Verbittert oder traurig ist er rund acht Jahre später nicht: “Ich würde alles wieder so machen. Auch wenn es in Berlin sportlich nicht wirklich lief, konnte ich mir und meiner Familie hier ein neues Leben aufbauen.” Seine ältere Tochter Maja – gebürtige Bielefelderin – studiert in Potsdam BWL, Emilia (15) geht noch zur Schule und peilt das Abitur an.
Mittlerweile ist der Kaffee ausgetrunken, der vierte WhatsApp-Sprachanruf beantwortet, doch bevor es zum Fototermin am Breitscheidplatz geht, lässt es sich Wichniarek nicht nehmen, die momentane Lage des DSC zu bewerten: “Uwe Neuhaus ist ein super Trainer, der weiß, wie man in der zweiten Liga bestehen kann. Von daher ist der Bielefelder Aufschwung für mich kein Zufall.” Nachdem die Rechnung bezahlt ist, wird ein gewisser Fabian Klos von Wichniarek thematisiert: “Ein ganz starker Stürmer, der weiß, wo das Tor steht. Wenn Klos so weitermacht, müsste er eventuell nochmal die Fußballschuhe vom Nagel hängen, sagt er mit einem Augenzwinkern: ‘Mein Rekord…'”
In Bielefeld sei er “längere Zeit nicht mehr gewesen”, doch das will er gerne ändern, sieht dabei aber auch den DSC am Zug: “Ich habe lange nichts vom DSC gehört, umso schöner, dass ihr nun hier seid. Die ICE-Verbindung zwischen Berlin und Bielefeld kenne ich gut, die würde ich in Anspruch nehmen. Und falls mich in Bielefeld keiner vom Bahnhof abholen kommt, finde ich auch allein den Weg ins Stadion – schließlich war dies lange Zeit mein Zuhause.” Aus der früheren DSC-Zeit telefoniert er noch regelmäßig mit Markus Bollmann und vor allen Dingen Arne Friedrich. Und auch zu Michael Schweika, dem Physiotherapeut der Profis, der sich damals schon um den König kümmerte, pflegt Wichniarek “einen engen Kontakt”.
Wir verabreden uns für ein zweites Treffen, Termin unbekannt. Das Gute: Auch in Bielefeld wird der Kaffee häufig schwarz getrunken – und Pancakes kriegen wir bis dahin sicherlich auch organisiert. Aber ohne Puderzucker, das versteht sich von selbst. Schließlich ist der König seiner Linie treugeblieben.

